Was ist Stil?

By Mario Romano April 29, 2020

Teil 1

Männer mit dieser Frage zu konfrontieren, löst vermutlich den gleichen Schrecken aus, wie wenn ich eine Vielzahl von ihnen zu einer Teilnahme an einem emotionalen Seminar über Liebe, Beziehung und Sex auffordern würde. Aber warum? (Warum Männer nicht so gerne an solche Seminare gehen, dazu ein anderer Blog – irgendwann in den nächsten Wochen.)

Männer müssen in einer bestimmten Form auftreten. Würde sie es wollen, dann wäre aus meiner Sicht manch einer bedeutend kreativer, bunter und typgerechter angezogen. Aber selbst wenn sie es müssen, warum sind denn so viele so unscheinbar angezogen?

Kommt jetzt die Aussage, ein Mann definiere sich nicht über seine Kleidung, sondern über das, was er tut? Möglich. Aber vielleicht nur eine faule Ausrede?

Männer sind Macher, sie erschaffen, konstruieren, bauen – alles Eigenschaften, die sich oft von Aussen sehen lassen. Vom Bauen einer Rakete bis zum Schreiben eines Buches. Das Zimmern eines Tisches oder die Operation am offenen Herzen. Sie sind schöpferisch, voller Leidenschaft für das, was sie tun. Manche würden jetzt sagen, einfach gute Handwerker – ob Schreiner oder Chirurg.

Und vermutlich denkt manch einer auch: Aber hallo, als Chirurg trage ich im OP doch keinen Armani-Anzug, als Förster fälle ich doch keinen Baum in weissen Sneakern. Klar. Logisch.

Da kommt uns vielleicht auch das oft in Filmen gezeigte Bild in den Sinn, wie ein genialer Professor mit wirrem Haar und schlampiger Kleidung durch die Räume seines schöpferischen Universums schlurft. Oder warum sollte sich ein Abteilungsleiter massgeschneidert und farblich perfekt auf seinen Typ abgestimmt kleiden – wie Keanu Reeves als John Wick im gleichnamigen Actionthriller?

Es gibt viele Berufe, wo die Kleidung Schutzaufgaben hat und wo stilvoller Individualismus eher zu einer Kündigung führen würde.

Aber, es gibt unzählige Berufe, wo die Kleidung eine Rolle spielt oder spielen könnte. Lassen wir alle handwerklichen Berufe aussen vor, die eine spezifische Garderobe verlangen, dann gibt es eine Unmenge an Berufen, wo die Kleidung eine bedeutende Rolle in der täglichen Kommunikation spielt. Ich denke da jetzt nicht an die Uniformierung in Banken und Versicherungen oder anderen Grossunternehmen, wo die Kleidung zur Corporate Identity gehört. Ein Anzug macht noch keinen Manager. Ich denke an Berufe und Positionen, wo die Kleidung Person, Position und Authentizität festigen kann.

Nirgends zeigen wir so schnell und klar einem Gegenüber, wo wir mit uns selbst stehen. Und ich möchte behaupten, nur ein Bruchteil der Männer überlegt jeden Tag beim Anziehen, dass er sich bewusst und mit Absicht ver-kleidet.

Im Laufe des Lebens haben wir uns schon sehr daran gewöhnt, morgens einfach etwas anzuziehen. Ab und zu etwas Neues zu kaufen, weil wir dies dauernd tun. Weil es zu unserem Alltag gehört.

Aufstehen, morgendliche Pflege und der Weg zum Schrank. Dabei schnell den Tag überfliegen, welche Highlights aufblitzen – und zack, Hemd, Hose und Schuhe sind ausgesucht. Tag für Tag, Routine über Routine, Muster über Muster. Und in unserem Kopf bildet sich ein Bild unserer Person, wie wenn ein Skulpteur uns modellieren würde. Tag für Tag gehen wir die gleichen Wege. Nur ab und zu sagt jemand: Tolle Jacke, cooles Hemd – woher hast du es, was hat es gekostet? Und diese Art der Komplimente und Fragen gehen unter im Rauschen des Alltages. Vieles reiht sich ein.

Ab und zu werden Sie vielleicht aufgeweckt, etwa von Ihrer Partnerin, wenn Sie Ihnen zu verstehen gibt – möglichst ohne Sie zu erschrecken, sie will ja nicht, dass es Streit gibt –, dass Sie im Grunde immer das Gleiche tragen. Oder wenn ein Freund, frisch verliebt, sich plötzlich eine neue Garderobe zugelegt hat, die ihn so völlig anders erscheinen lässt, dass es aus Ihnen herausplatzt: Cooles Teil!

Das ist dann sein Stil, sein Moment, sein Sein, sein Impuls, weswegen er etwas verändert hat. Ein Jahr später vielleicht – seine Eroberung war erfolgreich, die Liebe hat Bestand –fällt er zurück in das gewohnte Verhalten.

Männer denken oft: Es läuft doch alles gut, warum soll ich etwas ändern?

Tja, meine Herren: Dieses Denken, diese Haltung nehmen Frauen sehr wohl war – und nicht wirklich positiv. (Dazu gibt es später einen Blog: Der Frau in der Kleidung authentisch begegnen.)

An dieser Stelle könnten wir auch das Kapitel Selbstliebe aufschlagen. Das Kapitel Achtsamkeit reicht aber völlig. Wir achten heute auf die Ernährung, auf die Umwelt, auf die Gesundheit, auf mehr Freizeit, um uns mehr entfalten oder finden zu können. Warum nicht auch auf die Kleidung?

Wenn wir am Morgen aufstehen, was sehen wir zuerst? Uns selbst, nackt oder in der Boxershorts – und dann? Griff zum Gewohnten – oder ein erster magischer Moment, um achtsamer und nicht mehr gewöhnlich zu sein? Ein erster meditativer Schritt, um sich zu spüren? Wie der Tag werden soll? Wie der Tag erlebt werden möchte?

Kann die Kleidung dazu beitragen, uns an uns selbst zu erinnern, uns am Tag zu erfreuen und uns nicht in all den Verpflichtungen zu verlieren und zu vergessen? Kann die Kleidung das? Setzen wir einen ersten Impuls, den Tag erfolgreich zu erleben, schon am Morgen, wenn wir den Griff in den Schrank tun?

Fortsetzung folgt.

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